TEMPORAMORES - Newsletter # 318 - 25.3.2020




KURZMELDUNGEN

Das ist schon sehr, sehr clever: Nach dem weltweiten Erfolg, den George Saunders 2017 mit seinem ersten Roman, dem anrührenden Totengespräch LINCOLN IM BARDO, hatte, durfte man sehr gespannt sein, was er als nächstes schreiben würde. Da Saunders offenbar ein kluger Kopf ist – und schreiben kann, wie derzeit kaum ein zweiter amerikanischer Autor –, hat er einen relativ kurzen Text verfasst (in der deutschen Übersetzung von Frank Heibert, inklusive der Illustrationen von Chelsea Cardinal, nicht mal 50 Seiten): die Tierfabel FUCHS 8 (Luchterhand, ISBN 978-3-630-87620-7). Damit unterläuft er nicht nur alle an ihn gestellten Erwartungen, sondern zeigt erneut, dass seine größte Begabung nach wie vor die kurze Form ist. Nicht umsonst wird er seit zwanzig Jahren zu den besten Story-Autoren der Gegenwart gezählt. Auch FUCHS 8 ist ein literarisches Juwel. Die vom kleinen Fuchs in Lautschrift erzählte Geschichte seines Lebens, wie er die Menschensprache erlernte, dadurch Liebe und Vertrauen in unsere Gattung entwickelte, von uns zutiefst enttäuscht wurde und trotzdem nicht verzagt – das ist Literatur auf Weltniveau. Und weil ja irgendwie jede Zeit die Bücher hat, die sie verdient (oder braucht), kann man wohl sagen, dass FUCHS 8 so was wie DER KLEINE PRINZ fürs 21. Jahrhundert ist. Eine beeindruckende Lektüre und ein wundervolles Geschenk für liebe Menschen (trotzdem!).

Was ist der Mensch, wenn er nicht träumen kann/darf? Vor dreißig Jahren untersuchte (und beantwortete) das Schriftsteller-Ehepaar Angela & Karlheinz Steinmüller diese Frage in ihrem Roman DER TRAUMMEISTER. Jetzt ist dieser tief philosophische und emotional bewegende Science-Fiction-Roman, der lange Zeit nicht mehr zugänglich war, im Rahmen der Werkausgabe bei Memoranda (Band 4, ISBN 978-3-948616-36-6, 315 Seiten, Klappenbroschur) neu aufgelegt worden. Ergänzend hinzugefügt haben die Verfasser eine „Handreichung“ zur Geschichte ihrer Traum-Stadt Miscara (inklusive eines Stadtplans) und ein nagelneues Nachwort, in dem sie interessante Anekdoten zur Quellenforschung erzählen. Nicht nur für Komplettisten ein Muss!

Menschen, die alleine durch den Wald laufen und dabei (mehr oder weniger) leise vor sich hin sprechen – dieses derzeit sehr bekannt wirkende Szenario stammt nicht aus einem Artikel in der gestrigen Zeitung, sondern aus dem 1953 geschriebenen utopischen Meisterwerk FAHRENHEIT 451 (div. Ausgaben bei Diogenes und Heyne) von Ray Bradbury. Diesen unvergänglichen Roman zu lesen (oder zu hören) lohnt sich ja immer – aber gerade jetzt sei er als „Trostbüchlein“ wieder einmal in Erinnerung gerufen.



ZITAT

„Was ich hasse, ist ein Römer namens Status quo. Staunt euch die Augen aus dem Kopf, lebt, als hättet ihr nur noch zehn Sekunden zu leben. Seht euch die Welt an. Sie ist phantastischer als jeder in einer Fabrik hergestellte Traum. Verlangt keine Sicherheit, so ein Tier hat es in unserer Welt nie gegeben. Und wenn es das gäbe, wäre es mit dem Faultier verwandt, das tagaus, tagein mit dem Kopf nach unten am Ast hängt und sein Leben verschläft. Zum Teufel damit, schüttelt am Baum, so dass das Faultier herunterfällt auf seinen breiten Hintern.“

Ray Bradbury – Fahrenheit 451 (S. 179)

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