Nun also doch noch: Gut 20
Jahre nach der Erstveröffentlichung der GRÜNE ERDE-Trilogie von Kim Stanley Robinson liegt mit DIE
VIERZIG SPRACHEN DES REGENS (Carcosa, ISBN 978-3-910914-56-8, 365 S.,
Klappenbroschur) deren erster Teil, übersetzt von Barbara Slawig, endlich auch auf Deutsch vor. Allerdings (kleiner
Klugscheißer-Einschub), lesen wir mit leichtem Staunen im extra für diese
Ausgabe geschrieben „Vorwort“ des Autors, hat Robinson seine drei
Originalromane 2015 für eine einbändige Neuausgabe überarbeitet und gekürzt.
Diese Fassung ist also die Vorlage zur bei uns nun wieder dreibändigen
Übersetzung. Davon ebenso unabhängig wie von der seither verstrichenen Zeit
bleibt dieser „sehr lange Roman“ eine lesenswerte „Optopie“ (Robinsons
Wortschöpfung), also ein Buch, in dem sehr viel passiert, alles erst mal
schlimmer wird, am Ende aber eine Lösung steht, die sehr viel Hoffnung und
Trost bietet. Auch wenn Robinsons neuere Bücher inzwischen manchmal etwas viel
Moral und weniger Spannung enthalten, die GRÜNE ERDE hat neben einem
herausragend charakterisierten Personal auch noch einen großartigen Genre-Mix
aus Science Fiction, Spionage-Roman, Liebesgeschichte und politischem
Gegenwartsroman zu bieten. (Die von Robinson benutzte Wendung, es handle sich
um einen „Thriller in Zeitlupe“, lassen wir mal unkommentiert.) Die Bände 2 und
3 sind für Herbst 2026 und Frühjahr 2027 angekündigt.
Alles hängt mit allem
zusammen, die Welt ist ein unordentliches Spinnennetz und die beste Methode, da
ein wenig Überblick und Ordnung rein zu bringen, ist ein Almanach. Am besten
natürlich ein „phantastischer Almanach“. Soeben ist mit DAS FLIRREN DER
HOFFNUNG (ISBN 978-3-910914-54-4) dessen „zweite Folge“ bei Carcosa erschienen.
Herausgeber Hannes Riffel hat auf
400 Seiten zwei Dutzend Geschichten, Essays und Interviews versammelt, mit
denen sich aufs Schönste die These des All-Zusammenhangs belegen lässt.
Beginnend mit Arthur Machen, dessen
Story „N“ den guten Alan Moore zu
seinem neuen Roman-Zyklus inspirierte, der wiederum ein alternatives London
besingt, dass dem von Michael Moorcock
erinnerten Kriegs-London dann doch sehr ähnlich ist. Oder wenn Kim S. Robinson nicht nur über seines
„Climate Fiction“-Romane spricht, sondern auch über seinen alten Lehrmeister Gene Wolfe, dessen Werk inzwischen bei
Carcosa ebenso daheim ist, wie das von Becky
Chambers, Samuel R. Delany, Joanna Russ oder Kelly Link. Wie Aiki Mira,
Erik Simon, Andreas Fliedner, Matthias Fersterer und Helmut W. Pesch sich dann hier integrieren ist äußerst spannend
und lesenswert. Ein Jahrbuch für weit mehr als ein Jahr.
„Wer utopische Literatur schreibt, muss mit
Beschuss von allen Seiten rechnen. Am Ende ist man mit Pfeilen gespickt wie der
Heilige Sebastian, nur weil man eine Utopie verfasst hat. Dagegen habe ich aber
nichts einzuwenden – schließlich schreibe ich auch, um diejenigen zu ärgern,
die glauben, Kunst könne bloßer Selbstzweck sein. Ihnen möchte ich sagen: Ihr
irrt euch …“
Kim
Stanley Robinson – „Über das Schreiben von Climate Fiction“;
in: H. Riffel (Hrsg.) – DAS
FLIRREN DER HOFFNUNG (S. 121)