TEMPORAMORES - Newsletter # 421 - 10.3.2026




NACHRUFE

Ich habe Dan Simmons Mitte der 1990er Jahre für mich entdeckt. Natürlich las ich zuerst die beiden HYPERION-Bände und wollte mich dann auf die Fortsetzung, ENDYMION, stürzen. Die damals noch fehlende Übersetzung brachte mich dazu, erstmals einen umfangreichen Doppel-roman in der Originalsprache zu lesen. So verdammt gut war die Schreibe von Dan Simmons! Danach habe ich noch viele Bücher von Simmons gelesen, überwiegend gute bis sehr gute, aber die vier CANTOS-Bücher blieben meine Lieblinge. In den letzten Jahren entwickelten wir uns auseinander, trotzdem macht mich die Meldung von Simmons Tod traurig. Daniel Joseph Simmons kam am 4. April 1948 in Peoria, Illinois, zur Welt, studierte und arbeitete lange Jahre als Lehrer, bevor er zu Beginn der 1980er Jahre mit dem Schreiben begann. Sein Talent wurde schnell erkannt, er erreichte eine große Leser*innen-Gemeinde und erhielt jede Menge Genre-Preise für seine mehr als 30 Romane und Erzählungssammlungen. Am 21. Februar 2026 erlag Simmons im Alter von 77 Jahren in Longmont, Colorado, einem Schlaganfall.


Manchmal erreichen mich Nachrichten, bei denen ich viel lieber still sein möchte als sie weiter zu verbreiten, und dann denke ich ab und zu: Was hätte Hermke mir wohl geraten? Trotz der langen Jahre, die wir uns kannten und der verschiedenen Wege, die wir seither gingen, trotz des großen Altersunterschieds und der sehr anderen Lebensumstände, unter denen wir unsere Bestimmungen erreichten, war doch immer das Grundvertrauen da, einander bei allen Problemen fragen zu können. Nicht, dass wir dann einer Meinung waren – aber der „andere“ Blickwinkel war immer hilfreich. Und jetzt ist Hermke tot, gestorben vor einigen Tagen im Alter von 88 Jahren, und ich denke mir: Scheiße, wen soll ich denn jetzt fragen? Aber vielleicht geht es so: Anfang 1980 war ich ein Einzelgänger, komischer Kauz und planlos vor sich hin lesendes und sammelndes Landei. Dann lernte ich Hermke kennen und nur wenige Wochen später war meine Welt eine andere und mein Leben umgekrempelt. Hermke erkannte mein Potential, förderte meine Stärken und ließ mich auch meine Defizite bemerken, ohne sie mir unter die Nase zu reiben. Falls es jemals einen „geborenen Lehrer“ gab, dann Hermke Eibach. Der sich selbst allerdings unbedingt als Händler sah, als jemand, der aus seiner Leidenschaft für bedrucktes Papier einen Beruf machte und seine Berufung, Menschen durch Literatur „besser“ zu machen, dadurch erfüllte, dass er ihnen die Lektüre zugänglich machte, nach der sie sich (oftmals ohne es zu wissen) sehnten. Hermkes Romanboutique in Würzburg war seit 1981 der Ort, an dem man ihm begegnen und dabei zusehen konnte, wie er dieser Bestimmung folgte. Bis er dann vor einigen Jahren die Größe und Fähigkeit zeigte, seinen Rückzug so zu gestalten, dass sein Lebenswerk ohne ihn Bestand hat. Meinen Weg wäre ich wohl auch ohne Hermke gegangen, aber er wäre sicherlich steiniger gewesen, hätte mich womöglich in eine ganz andere Richtung geführt oder erst viel später ans Ziel gebracht. So aber konnte ich mich 45 Jahre lang auf diesen „Kompass“ verlassen. Am Ende bleibt nur, ihm die Ehre zu erweisen und ihm ein herzliches „Ave Hermke, morituri te salutant!“ in seinem geliebten Latein hinterherzurufen.

Horst Illmer



Zurück

Next